GUSTAV DISSE WIRD IN DER LEICHTATHLETIK WEITERHIN PRÄSENT BLEIBEN

Gustav Disse hat sein gesamtes Leben dem Sport gewidmet. Zuerst als Aktiver, dann als Sportlehrer, Trainer, Kampfrichter und langjähriger Vorsitzender des Kreis-Leichtathletik-Ausschusses (KLA) Bochum. Am 11. November schloss der dreifache deutsche Marathonmeister (1956, 1957 und 1959) im Alter von 87 Jahren für immer die Augen.

Mit seinen Bestzeiten von 14:07,4 Minuten über 5.000 Meter, 29:24,4 Minuten über 10.000 Meter und 2:24:51 Stunden im Marathonlauf, die er Anfang der 1960er Jahre erzielte, würde der frühere Ausdauerspezialist immer noch zu den besten deutschen Langstrecklern zählen. Allerdings erzielte der Bochumer seine Leistungen im Vergleich zu heute unter völlig anderen Vorzeichen.

Gustav Disse war nämlich früher im Bergbau tätig. Er hatte damals einen Drei-Schichten-Dienst und musste auch samstags arbeiten. Da war es für ihn oft schwierig, Arbeit und Sport miteinander zu koordinieren: „Das Schlimmste war jedoch, dass ich nie ausgeruht ins Training gegangen bin.“

Neben der körperlichen Herausforderung unter Tage absolvierte Gustav Disse damals noch ein knüppelhartes Training. 800 bis 1.000 Kilometer spulte er pro Monat herunter. Darin eingeschlossen waren solch unvorstellbare Intervall-Programme wie 100 x 200 m in jeweils 38 Sekunden mit recht kurzen Trabpausen. „Wir lebten damals noch in der Emil-Zatopek-Ära. Da kannten wir nichts anderes und haben unsere Methoden auch nie in Zweifel gezogen", erläuterte Gustav Disse in einem in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags.

Für den Bochumer hatte die damalige Zeit allerdings auch ihre guten Seiten. Er bedauerte nicht, dass er früher zum Nulltarif lief, während seine Nachfolger oft stattliche Siegprämien kassieren. „Früher waren die freundschaftlichen Kontakte untereinander wesentlich intensiver", so Gustav Disse, „auch opferte man damals den Beruf bzw. die Ausbildung nicht zugunsten des Sports. Dies war sicherlich besser.“

Der Asket mit dem langen Atem (1,76 m / 65 kg) hatte das Glück, dass er nach seiner Tätigkeit im Bergbau eine Stelle beim Tiefbauamt der Stadt Bochum erhielt. So hatte der frühere Marathonmeister auch mehr Zeit zum Training. Nach Beendigung seiner Laufbahn im Jahre 1966 studierte er an der Sporthochschule Köln und unterrichtete bis 1993 als Sportlehrer an einer Hauptschule in Bochum.

Zwei deutsche Rekorde in einem Rennen

Gustav Disse, bei dem man damals bei einer Untersuchung einen Puls von 40 feststellte, schloss sich 1954 den Langstrecklern des SC Dahlhausen an. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Bereits zwei Jahre später gewann er bei den deutschen Marathonmeisterschaften 1956 in Berlin seinen ersten von drei Marathontiteln. Als Zugabe gab es für ihn noch Gold in der Mannschaftswertung. „Für mich war das mein größtes sportliches Erlebnis, weil der Überraschungseffekt so groß war", merkte Disse an, der in den Folgejahren weitere Glanzleistungen ablieferte. So errang er neben seinen drei deutschen Marathontiteln jeweils noch zweimal DM-Silber über 10.000 Meter und im Wald.

1962 stellte der 15-fache Länderkampf-Titelnehmer bei einer Veranstaltung in Witten mit 19.441 absolvierten Metern im Stundenlauf und 1:01:41 Stunden über 20 Kilometer zwei deutsche Rekorde in einem Rennen auf. Pech hatte Gustav Disse 1960, als er wegen einer Achillessehnen-Operation ein halbes Jahr aussetzen musste und dadurch die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rom verpasste.

1966 beendete der Bochumer im Alter von 33 Jahren seine Laufbahn. Beruf und Familie hatten für ihn fortan Vorrang. Trotzdem engagierte sich Gustav Disse, der seit 1967 dem TV Wattenscheid angehört, weiter in der Leichtathletik. Er wurde Trainer und betreute u.a. so erfolgreiche Läufer wie Manfred Lubba, Hans-Dieter Schulten, Willi Wagner, Wolf-Dieter Poschmann, Winfried Hellweg, Günther Korb und Tono Kirschbaum.

Großes Engagement als VKLA und als Kampfrichter

Seit 1967 engagierte sich Gustav Disse auch als Kampfrichter. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München wurde er als Unparteiischer bei den Straßenlaufwettbewerben eingesetzt. 1998 übernahm er in Bochum den Vorsitz des Kreis-Leichtathletik-Ausschusses, den er 2010 aus Altersgründen abgab. Als Ehren-Vorsitzender des Kreises Bochum war er jedoch weiter in das Leichtathletik-Geschehen eingebunden. Allerdings musste er sich zuletzt krankheitsbedingt immer mehr zurückziehen.

Als Mensch und als Athlet wird der engagierte und stets freundliche Bochumer, die nie viel Aufhebens um seine Person machte, in den Annalen und Erinnerungen der westfälischen Leichtathleten für immer präsent bleiben.